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Die Volksschule

Adresse: Fleischmarktgasse (Masna 16)

siehe: Wegbeschreibung im Text.

Die ehemalige Volksschule heute

Der Gang zur Schule

Am 16. September 1889 wurde der damals sechsjährige Franz Kafka eingeschult. Im Gegensatz zu Max Brod, der wie andere wohlhabende Kinder des gehobenenen Bürgertums in die Volksschule des Piaristenklosters zur Schule ging, wurde Franz in die Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt gebracht, das vor allem Kinder der mittleren und unteren Schichten besuchten. Während die meisten Kinder alleine in die Schule gingen, wurde Kafka immer von der Köchin des Hauses hingebracht und - zumindest im ersten Jahr - auch am Mittag wieder abgeholt. Man kann den Weg Kafkas heute noch nachgehen und wird dabei feststellen, dass der Gang in die Schule kaum länger als 10 Minuten gedauert haben dürfte. Vom Haus Minutta aus ging man am Rathaus des Altstädter Rings vorbei, quer über den Altstädter Ring, in die, auch heute noch, schlauchartige Teyngasse (Tynska ulicka), die man gänzlich durchschritt, um in die daran anschliessende Stupartgasse (Mala Stupartska) zu gelangen. An deren Ende bog man dann rechts in die Fleischmarktgasse ein, wo die "Deutsche Knabenvolksschule in Prag-Altstadt" (Masna 16) lag.

Die Geschichte mit der Köchin

Doch dieser kurze Gang geriet oft zur Qual, da die Köchin sich einen Spass daraus machte, den Jungen zu verängstigen. Wie ein Ritual begann es jeden Morgen damit, dass sie ankündigte heute dem Lehrer zu verraten, wie unartig er gewesen sei. Franz, der sich nie sicher war, ob sie von diesem vermeintlichem Machtmittel tatsächlich Gebrauch machen würde, bekam es am Ende dieses sadistischen Spiels doch regelmäßig mit der Angst zu tun, sodass die Köchin alle Mühe hatte ihn in der Schule abzuliefern:

Aus einem Brief an Milena:

"(...) Unsere Köchin, eine kleine trockene magere spitznasige, wangenhohl, gelblich, aber fest, energisch und überlegen führte mich jeden morgen in die Schule. Wir wohnten in dem Haus, welches den kleinen Ring vom großen Ring trennt. Da gieng es also zuerst über den Ring, dann in die Teingasse, dann durch eine Art Torwölbung in die Fleischmarktgasse zum Fleischmarkt hinunter. Und nun wiederholte sich jeden Morgen das Gleiche wohl ein Jahr lang. Beim Aus-dem-Haus-treten sagte die Köchin, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig ich zuhause gewesen bin. Nun war ich ja wahrscheinlich nicht sehr unartig, aber doch trotzig, nichtsnutzig, traurig, böse und es hätte sich daraus wahrscheinlich immer etwas Hübsches für den Lehrer zusammenstellen lassen. Das wußte ich und nahm also die Drohung der Köchin nicht leicht. Doch glaubte ich zunächst, daß der Weg in die Schule ungeheuer lang sei, daß da noch vieles geschehen könne (aus solchem scheinbaren Kinderleichtsinn entwickelt sich allmählich, da ja eben die Wege nicht ungeheuer lang sind, jene Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaftigkeit) auch war ich, wenigstens noch auf dem Altstädter Ring, sehr im Zweifel, ob die Köchin, die zwar Respektsperson aber doch nur eine häusliche war, mit der Welt-Respekts- Person des Lehrers überhaupt zu sprechen wagen würde. Vielleicht sagte ich auch etwas derartiges, dann antwortete die Köchin gewöhnlich kurz mit irhen schmalen unbarmherzigen Lippen, ich müsse es ja nicht glauben, aber sagen werde sie es. Etwa in der Gegend des Eingangs zur Fleischmarktgasse - es hat noch eine kleine historische Bedeutung für mich (in welcher Gegend hast Du als Kind gelebt?) - bekam die Furcht vor der Drohung das Übergewicht. Nun war ja die Schule schon an und für sich ein Schrecken und jetzt wollte es mir die Köchin noch so erschweren. Ich fieng zu bitten an, sie schüttelte den Kopf, je mehr ich bat, desto größer die Gefahr, ich blieb stehn und bat um Verzeihung, sie zog mich fort, ich drohte ihr mit der Vergeltung durch die Eltern, sie lachte, hier war sie allmächtig, ich hielt mich an den Geschäftsportalen, an den Ecksteinen fest, ich wollte nicht weiter, ehe sie mir nicht verziehen hatte, ich riß sie am Rock zurück (leicht hatte es sie auch nicht) aber sie schleppte mich weiter unter der Versicherung auch dieses noch dem Lehrer zu erzählen, es wurde spät, es schlug 8 von der Jakobskirche, man hörte die Schulglocken, andere Kinder fiengen zu laufen an, vor dem Zuspätkommen hatte ich immer die größte Angst, jetzt mußten auch wir laufen und immerfort die Überlegung: "sie wird es sagen, sie wird es nicht sagen" - nun sie sagte es nicht, niemals, aber immer hatte sie die Möglichkeit und sogar eine scheinbar steigende Möglichkeit (gestern habe ich es nicht gesagt, aber heute werde ich es ganz bestimmt sagen) und die ließ sie niemals los. Und manchmal - denke Milena - stampfte sie auch auf der Gasse vor Zorn über mich und auch eine Kohlenhändlerin war manchmal irgendwo und schaute zu. Milena was für Narrheiten und wie gehöre ich Dir mit allen Köchinnen und Drohungen und diesem ganzen ungeheueren Staub, den 38 Jahre aufgewirbelt haben und der sich in die Lungen setzt. (...)"

Die Teyngasse heute

Der Musterschüler

Ansonsten war Franz Kafka ein pflegeleichter Musterschüler, der in diesen Jahren auch mit dem Klavier- und Geigenunterricht begann (der freilich aber wegen fehlender Musikalität bald wieder abgebrochen wurde). Auch erhielt er in dieser Zeit bereits durch Madame Bailly, einer Gouvernante, die zu dieser Zeit von den Kafkas eingestellt wurde, seinen ersten Französischunterricht.

Lehrer der dritten und vierten Klasse war der ausgezeichnete Pädagoge Beck, der - für damalige Verhältnisse sehr modern - auf die Schüler zuging und auch engen Kontakt mit den Eltern hielt. Als am Ende des vierten Schuljahres die Frage anstand, ob Kafka ins Gymnasium überwechseln sollte, meldete der Pädagoge Bedenken in Worten an, die Kafka später gern zitierte:

"Lassen Sie ihn noch in die fünfte Klasse gehen, er ist zu schwach, solche Überhetzung rächt sich später."

 

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