Impressum Kontakt Sitemap
 Startseite | Franz Kafka | Kafka und Prag | Werkschau | Aktuelles | Forum
Suche:


Kafka in PragWohnungen der ElternKafkas DomizileGeschäft des VatersAusbildung und ArbeitDas Prager JudenviertelPrag um 1900Prag in der Literatur

Das Haus Minutta

Adresse: Staromestske namesti 3/2, 1100 Prag

Man geht am Altstädter Ring am Uhrturm des Rathauses vorbei und in etwa 100 Meter Entfernung davon befindet sich das Haus, das aufgrund der schönen Sgraffitos kaum zu übersehen ist.

Kartenansicht

Haus Minutta

Zur Geschichte des Hauses

Als nächstes zog die Familie in das Haus Minutta, einem zu Anfang des 17. Jahrhunderts errichtetem Haus, das den Grossen von dem Kleinen Altstädter Ring trennt. Die Außenfassade des Hauses besitzt schöne Sgraffitos, die biblische und antike Mythen zeigen. Obwohl schon vor 1615 angebracht, waren sie aber zu der Zeit, als die Familie Kafka dort wohnte, noch übertüncht.

Die Familie lebte in diesem Haus von Juni 1889 bis September 1896. In dieser Zeit wurden alle Geschwister Franz Kafkas geboren; die drei Schwestern Elli (1889), Valli (1890) und Ottla (1892), sowie zwei früh verstorbene Brüder. Durch den Haupteingang des Hauses gelangt man in einen Innenhof mit den typischen Prager Pawlatschen. Auf einen dieser "Balkons" kam es zu der bekannten Erziehungsmaßnahme, die Kafka als Erwachsener im "Brief an den Vater" so eindrucksvoll geschildert hat:

"Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, dass das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich ein solches Nichts für ihn war."

(aus: Franz Kafka: "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande")

Doch gab es auch harmlosere Episoden, wie das Geschenk eines "Sechserls", das für den kleinen Franz zu einem Problem wurde:

"Ich hatte einmal als ganz kleiner Junge ein Sechserl bekommen und hatte große Lust es einer alten Bettlerin zu geben, die zwischen dem großen und dem kleinen Ring saß. Nun schien mir aber die Summe ungeheuer, eine Summe die wahrscheinlich noch niemals einem Bettler gegeben worden ist, ich schämte mich deshalb vor der Bettlerin etwas so Ungeheuerliches zu tun. Geben aber musste ich es ihr doch, ich wechselte deshalb das Sechserl, gab der Bettlerin einen Kreuzer, umlief den ganzen Komplex des Rathauses und des Laubengangs am kleinen Ring, kam als ein ganz neuer Wohltäter links heraus, gab der Bettlerin wieder einen Kreuzer, fing wieder zu laufen an und machte das glücklich zehnmal ( oder auch etwas weniger, denn, ich glaube die Bettlerin verlor dann später die Geduld und verschwand mir ). Jedenfalls war ich zum Schluss, auch moralisch, so erschöpft, dass ich gleich nach Hause lief und so lange weinte, bis mir die Mutter das Sechserl wieder ersetzte."

(aus: Briefe an Milena)

 

zurück  weiter mit: Haus Drei Könige