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Die Prager Golemsage in der LiteraturMit dem Abriss der alten Judenstadt etablierte sich eine Literatur in Prag, die in ihren geheimen Winkeln und Gassen nach dem Geheimnisvollen und Mystischem fahndete und ihren Mythos als geheimnisumwobene Stadt schuf. Vor allem nach den Filmen "Der Student von Prag" und Paul Wegeners "Der Golem" aus dem Jahre 1914 erschienen eine ganze Reihe mystisch-okkulter Bücher, deren Autoren Prag (und vor allem das untergegangene Judenviertel) gerne als dunkle Hintergrundkulisse in Anspruch nahmen. In dem Maße wie Prag zu einer normalen europäischen Metropole heranwuchs, suchte man in der Literatur den umgekehrten Weg: die "Wiederverzauberung der entzauberten, modernen Welt" (Walter Schmitz u. a.: Böhmen am Meer, S. 121) Gustav Meyrink "Der Golem"
Das bekannteste und auch erfolgreichste Buch dieses Genres war sicherlich Gustav Meyrinks Roman "Der Golem", das nur ein Jahr später als der Film erschien und "ein europäischer Bestseller" wurde. Doch im Gegensatz zur eigentlichen Sage, oszilliert die Figur des Golems in dieser Geschichte nur am Rande der äußeren Handlung, in deren Mittelpunkt die Reise nach innen steht, die Begegnung mit sich selbst. Zum Inhalt:Es ist die Zeit um die Jahrhundertwende. Athanasius Pernath, der seit Jahren als Gemmenschneider in der vom Abriss bedrohten Prager Judenstadt lebt, bekommt eines Tages Besuch von einem seltsamen Gast, der ihm ein Buch zur Restaurierung anvertraut. Das Initial "I" aus dem Kapitel "Ibbur" war am Rande verletzt und bedurfte der Ausbesserung. Ibbur, das übersetzt "Seelenschwängerung" heißt, ist auch das Initial für Pernath, sich nun auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit zu machen. Während eines Schwächeanfalls belauscht er Gespräche seiner Freunde und muss erfahren, dass er geisteskrank war. Pernath, der bislang zurückgezogen und ohne eigene Vergangenheit lebte, gewinnt nun, in einem schmerzlichen Prozess, in deren Verlauf er auch in eine dunkle Kriminalgeschichte hineingezogen wird, Stück um Stück diese Vergangenheit zurück. So gelangt er eines Tages, auf der Suche nach Briefen, die er vor den dunklen Machinationen des Trödelhändlers Aaron Wassertrum in Sicherheit bringen möchte, in das Atelier seines Nachbarn und gerät dort über eine Falltür in ein Labyrinth von dunklen Gängen und Treppen in das berühmte "Zimmer ohne Zugang" der Altschulgass, in "dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand" . In einer Ecke des Zimmers findet er unter altem Gerümpel ein Tarockspiel, deren Trumpfkarte Pagat ein seltsames Eigenleben zu entwickeln scheint: "Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da so eisig aus der Ecke herüberwehe, sagte es mir vor, schneller und schneller, mit pfeifendem Atem - es half nichts mehr: dort drüben der weißliche Fleck - die Karte - sie quoll auf zu blasigem Klumpen, tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in die Finsternis. - Tropfende Laute - halb gedacht, geahnt, halb wirklich - im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo - tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer - erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze steckenbleibt! Hintergründe und Elemente des RomansIm "Golem" überkreuzen sich die verschiedensten Stilelemente und Denkschulen, die Meyrink in eklektizistischer Manier in das Handlungsgefüge einwebt. Als spirituelle Vorbilder werden oft Paracelsus, die Kabbala, der Pali-Buddhismus oder auch Yogi-Vorstellungen genannt, wenn es gilt, den geistigen Hintergrund der Erzählung zu benennen . Die phantastischen Elemente des Romans bilden den Kontrast zu den naturalistischen Schilderungen, die auch einen wesentlichen Bestandteil der Handlung ausmachen. So spielt die Geschichte zur Zeit der Sanierung des Ghettos und an einer Stelle wird auch vom Einsturz der steinernen Brücke gesprochen, ein Vorgang der unschwer auf das Jahr 1890 zurückgeführt werden kann, als Teile der Karlsbrücke bei einem Unwetter einstürzten (siehe auch Zeittafel). Auch werden historische Straßennamen genannt und als ein weiteres Stilelement des Naturalismus lässt Meyrink einige Ghettobewohner Dialekt sprechen. Als Übersetzer von Charles Dickens fand Meyrink in dessen Werk sicherlich viele Anregungen für seine Milieuschilderungen. Manchmal glaubt man sich geradezu in das viktorianische London versetzt, wenn man manche Schilderungen aus dem Golem mit "Bleak House" vergleicht, einem Roman den Meyrink auch übersetzt hat. Doch darüber hinaus lernt man in diesem Buch auch den Satiriker Meyrink kennen, der in Prag schon seit Jahren für seine Glossen und "bösen" Erzählungen bekannt war. Man findet im Golem glänzende Schilderungen von Polizei und Justiz, deren Verkommenheit Meyrink oft aufs Korn nahm. Vielleicht ist es ja gerade diese Vermischung von Stilelementen, wenn nicht gar Stilbrüchen, die den großen Erfolg des Romans bis heute ausmachen.
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