Der antizipierte Held
Die Anschläge auf das World Trade Center in den USA bergen in sich eine unzweifelhafte menschliche Tragik. Eine Tragik, die aber noch viel weiter geht, die das bloße Entsetzen über eine derartige Tat bei weitem übersteigt. Die Betroffenheit über das schier endlose Elend, das dieser Anschlag über „unschuldige“ bzw. scheinbar unbeteiligte Zivilisten gebracht hat, wird, multipliziert durch die humanistische Willkür, der vermeintlichen Unvorhersehbarkeit. In einer Sekunde eine pulsierende, hochtechnisierte Metropole, die alle Charakteristika der westlichen Welt in sich vereint und in der Nächsten ein brennendes Schlachtfeld, ein Dantesques Inferno der blanken Angst. Obwohl irrational, ist man geschockt und überwältigt von einer so apokalyptisch anmutenden Tat, einer so explizit formulierten Anarchie gegenüber gesellschaftlichen Normen und westlichen Moralvorstellungen. Die Eigenmächtigkeit und Fatalität, die diesem Attentat inne wohnt, lässt es ähnlich einer Naturkatastrophe erscheinen. Was diesen Akt aber entschieden von einer Naturkatastrophe unterscheidet ist die Tatsache, dass man für ihn einen greifbaren Urheber, einen anscheinend schuldigen benennen kann. Niemand würde vorsätzlich Krieg gegen die Natur führen, auch wenn man die Gleichgültigkeit mit der viele Menschen ihre Zerstörung in Kauf nehmen, schon als kriegerischen Akt werten könnte. Dadurch ist eine extreme Bündelung von Emotionen möglich, man kann seine Wut und seine Verbitterung gezielt auf jemanden, bzw. auf etwas richten. Daraus wiederum resultiert eine immense Motivation. Ein Großteil der Amerikaner möchte seiner Empörung, artikuliert über Patriotismus und seinem Willen zur Vergeltung Ausdruck verleihen. Und da dieser Terrorakt sich nicht gegen einzelne Individuen, sondern vielmehr gegen eine ganze Nation richtet, fand eine regelrechte Kollektivierung und vor allem Uniformierung von Emotionen statt. Was diese Vereinheitlichung von Gefühlen und Attitüden noch verstärkt, ist die Tatsache, dass es in Amerika in vielen Belangen zu Verallgemeinerungen kommt.
Bemerkenswert, wie ein sonst so kulturell und sozial segregiertes Land es schafft, innerhalb von kürzester Zeit und ohne große Vorgaben oder Steuerung durch ein staatliches Organ, ein so geschlossenes Gefüge und ein fast vorbehaltloses Zusammengehörigkeitsgefühl zu etablieren. In diesen Tagen sieht man zum Beispiel den hispanischen Hilfsarbeiter, der vermutlich am unteren Ende der sozialen Kette existiert, neben dem weißen Wall Street Top Broker stehen, beide Hand in Hand“ USA, USA“ skandieren. Die soziale Hierarchie, die die menschliche Wertigkeit und den Status eines Individuum festlegt und über die sich ein Großteil des American Way of Life manifestiert, scheint kurzzeitig aufgehoben. Vor dem 11. September hätten sich beide vermutlich nicht mal eines Blickes gewürdigt. Sie hätten sich vermutlich sogar eher verächtlich betrachtet. Auf der einen Seite der Broker, der in dem Hilfsarbeiter nur einen ungebildeten, unkultivierten Ausländer sieht, der die Arbeit verrichtet, für die sich alle anderen zu Schade sind. Auf der anderen Seite der Hilfsarbeiter, der in dem Broker nur einen arroganten, überheblichen Snob und Kapitalist sieht, der ohne Rücksicht auf Verluste nur nach seinem persönlichen Glück strebt. Aber vor dem Hintergrund einer solchen Tat, die ethnische und soziale Klassifizierungen nicht kennt, scheint paradoxer Weise das zu funktionieren was in Zeiten der Inneren Sicherheit und des vermeintlichen Friedens nicht einmal angestrebt wird: Solidarität. Herkunft und Status scheinen nicht zu zählen sondern allein die Tatsache das man den selben Schmerz und die selben Probleme teilt, scheint auszureichen um sich zu vereinen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Diese temporäre, ideologische Absolution scheint ein immer wiederkehrendes Phänomen zu sein. So beschreibt z.B. Heinrich von Kleist, in seiner Erzählung „das Erdbeben von Chili“ meiner Meinung nach ziemlich gut, wie schnell sich moralische Statuten und ethische Ansichten verschieben können. Die Erzählung handelt von einem jungen Paar das zum Tode verurteilt wurde, weil sie außerehelich ihrer Liebe Ausdruck verliehen und das Mädchen schwanger wurde. Kurz vor der Vollstreckung des Urteils jedoch, zu der sich fast die gesamte Stadt versammelt hatte, geschieht ein Erdbeben. Beide überleben, und treffen sich unter den Massen der anderen Opfer wieder. Zuerst scheint es, als wenn alle im selben Boot sitzen würden, jeder versucht dem anderen so gut es geht zu helfen. Als aber ein paar Tage vergangen sind, und man sich zum gemeinsamen Gottesdienst in der Kirche trifft, um für bessere Zeiten zu beten, werden die beiden wiedererkannt. Der Mob wird zum Richter und zum Henker und in blinder Raserei wird das Paar und ein Baby noch in der Kirche regelrecht niedergemetzelt. Es scheint so, als wenn die Leute über die Erinnerung an dieses Unrecht vor der Katastrophe mit einem greifbaren, fassbaren Urheber versuchen, wieder krampfhaft in die Normalität zurück zu kehren. Und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis dieses Gleichheitsgefühl wieder schwindet und die Leute sich wieder gegenseitig richten und verurteilen, jeder mit seiner eigenen Moral. Und selbst die, wenn auch scheinheilige, Annährung der sozialen Klassen birgt einige Gefahren in sich. Wie bei den meisten Massenbewegungen scheint mit der Motivation gleichzeitig auch die Totalität und die Intoleranz anderen Gefühlen bzw. anderen Meinungen gegenüber zu steigen. Die Vorstellung von Engagement und Solidarität wird stark stereotypisiert. Uneigennützigkeit, um nicht zu sagen Selbstaufgabe, wird so stark glorifiziert, dass jeder, der nicht verletzt worden ist oder wenigstens einen Angehörigen verloren hat oder vermisst, sich schon fast schuldig fühlen muss. In einem System, das einem das physische Überleben auf jeden Fall sichert scheinen die Menschen danach zu hungern ihrem emotionalen sterben Ausdruck zu verleihen. Solche Katastrophen scheinen das einzige Forum zu sein, in dem der starke, unantastbare Amerikaner sich als unschuldiges, schwaches Opfer wähnen darf. Schmerz der sonst keinen interessiert, im Gegenteil häufig sogar als Schwäche oder Unvermögen gedeutet wird, ist auf einmal ausdrücklich erwünscht und wird mit Mitgefühl und Benefizkonzerten belohnt. Denn auch wenn es dabei um Individuen geht, so ist es doch trotzdem ein generalisiertes Gefühl, eine Emotion mit hohem Identifikationspotential. Es geht hierbei nicht um Menschen, die Angehörige verloren haben, sondern um Amerikaner die Amerikaner verloren haben. Und so wird folglich nicht erwartet, dass man anderen Menschen sondern vielmehr dass man seinem Land hilft, koste es was es wolle. Dieser Druck des antizipierten Heldentums lastet besonders stark auf den Rettungs- und Sicherheitskräften. Man hört z.B. von Feuerwehrleuten, die, obwohl sie wissen, dass sie dauerhafte Gesundheitsschäden davon tragen können, es ablehnen weniger zu arbeiten, bevor nicht das letzte Opfer geborgen ist. Aber auch auf dem Rest der Bevölkerung scheint dieser Druck, diese Forderung, nach Selbstlosigkeit zu lasten. Man sieht komplette Straßenzüge eingedeckt mit Blumengestecken, Straßenlaternen tapeziert mit Fotos und Steckbriefen. Auf ihnen wandeln Menschen, jeder mit einem Foto von einem vermissten Angehörigen vor der Brust. Die Polemik und Melodramatik mit der diese Leute ihre, auf jeden Fall gerechtfertigte Trauer inszenieren, lässt solche Bilder doch eher als Happening erscheinen und nicht als Szenen aufrichtiger Trauer. Unterstrichen werden solche Impressionen noch von der perversen und durch und durch pietätlosen Vermarktung der Geschehnisse des 11. Septembers. Trauer und Ohnmacht werden dadurch bewältigt, dass man seine Kinder in T-Shirts steckt, auf denen ein Feuerwehrmann abgebildet ist oder noch besser ein Bild von den explodierenden Türmen des WTC. Das bedauernswerteste daran ist, dass viele Leute aufrichtig davon überzeugt sind, dass bei solchen Verkaufsaktionen nicht etwa der Profit im Vordergrund steht, sondern nur das Bedürfnis Mahnmale für jedermann zu schaffen und Solidarität zu bekunden. Wie soll sich bei diesem absoluten und unantastbaren Opferverhalten ein Feuerwehrmann guten Gewissens hinstellen und sagen, dass er aus Rücksicht auf seine Gesundheit nur noch 6 anstatt 12 Stunden arbeitet. Dieser bis hin zur Selbstzerstörung gehenden Zweckaktionismus scheint für jeden “echten“ Amerikaner obligatorisch zu sein. Daraus entsteht ein äußerst totalitärer Dualismus: „bist du nicht für uns, bist du gegen uns...“. Jeder, der nicht dazu bereit ist sich der totalen Selbstaufgabe zu ergeben, ist nicht patriotisch und wird als gefühlskalt gebrandmarkt. Dieser „schwarz-weiß“ Dogmatismus geht sogar so weit, dass solchen Leuten nicht nur verminderter Patriotismus oder Desinteresse vorgeworfen wird, sondern vielmehr Antiamerikanismus und Kollaboration. In dem Mutterland der Stereotypen wird nahtlos das weiter praktiziert, was vermutlich mit zu den Hauptgründen zählt die hinter diesen Anschlägen stecken: Ignoranz und Egomanie. So scheint sich diese Wirkungsspirale immer enger zu ziehen, und keine der beiden Seiten schafft es seiner Intention, seinem „Motor“ Geltung zu verschaffen. Im Gegenteil, den Vorurteilen und der gegenseitigen Antipathie wird weiter Vorschub gegeben. Aber wahrscheinlich wäre es auch naiv zu glauben, dass die Politik der USA langfristig darauf aus ist den Konflikt zu beseitigen und eine Einigkeit zu erzielen. Darf man dem Film „Wack the dog“, mit Robert de Niro und Dustin Hoffman, Glauben schenken sind diese internationalen und ideologischen Konflikte genau der Leim, der die USA und seine Regierung zusammen hält.
Der Film handelt von der Manipulationskraft der Medien und ihrem immensen Einfluss auf die Meinung der Öffentlichkeit und Gewichtigkeit der politischen Prozesse. Der Präsident der USA steht vor dem totalen Verlust seiner Reputation, verursacht durch eine Praktikantin, die behauptet sie hätte mit ihm im Oval Office geschlafen. Dann tritt der Medienexperte ( Robert de Niro) auf den Plan. Durch das Streuen von Gerüchten und dem bekannt werden von scheinbar geheimen Informationen inszeniert er ein perfektes Krisenszenario, das aber nur in den Medien stattfindet. Plötzlich interessiert es niemanden mehr, ob der Präsident etwas moralisch verwerfliches getan hat. Das ganze Volk steht hinter seinem Führer und ist im dankbar dafür, dass er so standhaft und konsequent für sein Land und dessen Ideale kämpft. Das wirklich erschreckende daran ist, dass dieser Film weit vor dem 11.September erschienen ist und trotzdem finden sich erschreckend viele schematische Segmente, die sich ohne weiteres von der Fiktion auf die Realität übertragen lassen.
Natürlich ist jegliche Kritik, die quasi aus den eigenen Reihen kommt in gewisser Weise bigott. Es ist das selbe Dilemma in dem sich schon Heiner Müller befunden hat. In seinen Stücken kritisierte er sowohl den Kapitalismus als auch den Sozialismus und trotzdem waren es gerade diese beiden Politformen, von denen er profitierte und die ihm seine Entfaltung und vor allem die Verbreitung seiner Werke ermöglichte. Daher muss sich jeder, der Kritik übt darüber im klaren sein, dass man zwar mit der Feder des Idealismus oder der Moral schreibt, die Tinte jedoch, mit der man seine Worte auf Papier bringt meist, aus dem Blut derer gemacht ist, die man zu schützen versucht. Man kann nicht ein Land für all die Ungerechtigkeit und das Ungleichgewicht, das in der Welt herrscht verantwortlich machen. Ist nicht die Globalisierung an sich und die immer extremer werdende Ausbildung hin zu einer Konsumgesellschaft der Grund dafür, dass die persönliche Bereicherung und der eigene Vorteil im Zentrum unseres Lebens zu stehen scheint? Der französische Philosoph Jean Baudrillard geht sogar noch weiter und behauptet, dass die Globalisierung durch ihre schrankenlose Ausdehnung die Bedingungen für ihre eigene Zerstörung schaffen würde.
Durch ihren zügellosen Kulturimperialismus und die rücksichtslose Ausbeutung von Kapital- und Rohstoffmärkten haben die Amerikaner einen wahren Funkenflug an Demütigung, Zorn und Ohnmacht verursacht. Dieser Funkenflug war es, der im Endeffekt dieses Feuer des Terrors und der Verzweifelung verursacht hat. Baudbillard spricht in seinen Ausführungen außerdem die Symbolik an, die diesem Geschehnis inne wohnt. Für ihn ist der 11. September nicht bloß die Visualisierung des Willens und des Strebens einzelner Individuen, sondern vielmehr ein Symbol, eine „universelle Allergie gegen eine endgültige Ordnung“ wie er es nennt. Der paradoxe ist, dass sowohl dieser Terrorakt als auch die Reaktion darauf einen symbolischen Charakter haben. Denn auch die scheinbare Geschlossenheit und die breitgestreute Solidarität mit der die Amerikaner auf dieses Ereignis reagiert haben, sind weit mehr als eine bloße Bekundung von Betroffenheit. Vielmehr sollen sie der ganzen Welt zeigen, dass diese Katastrophe nur unschuldige und schwache getroffen hat, die aber aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Nationalität sich nicht davon unterkriegen lassen. Auch wenn es sarkastisch klingen mag denke ich, dass zumindest politisch gesehen, der 11. September in einer gewissen Weise die Macht Amerikas weiter gestärkt hat. Außerdem scheint es Amerika eine grenzenlose Legitimation für Vergeltungsmaßnahmen, sowohl militärischer als auch politischer Art, geschaffen zu haben. Denn egal wie rigoros oder totalitär das Vorgehen Amerikas auch sein mag, es gibt kaum Stimmen, die sich kritisch dazu äußern. Im Gegenteil, die Art und Weise mit der die Bundesregierung und andere „Alliierte“ auf die Forderungen Amerikas reagieren bzw. nachkommen, kann man eigentlich nur als blindlings bezeichnen. Und genauso wie ein Symbol einen verallgemeinernden Charakter hat, scheint sich die ganze Rezeption und das Umgehen mit dieser Tat in einem Nebel aus Propaganda und Ideologisierung zu verlieren. Dass eine Tat, die so eindeutige Auswirkungen hat und hinter der eine so offensichtliche Motivation steht, nicht allein mit richtig und falsch, mit Täter und Opfer zu beschreiben ist, scheint für viele Menschen nicht fassbar zu sein. Durch Ignoranz und fehlende Reflektion droht ein Perpetuummobile der Gewalt und der Ablehnung zu entstehen. So kann man nur hoffen, dass nicht die ganze Welt der Unschuld der Opfer erliegt bzw. das über all dem durchaus angebrachten Mitgefühl nicht jede Objektivität verloren geht.
So kann ich nur konstatieren: God bless America, but especially the rest of us….