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Die Autoren:
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Traumreise

Es regnet, Wasser tropft von meiner Hutkrempe. Es ein Hut wie ihn Humphrey Bogart in Casablanca trägt. Ergänzend dazu trage ich einen beigefarbenen Trenchcoat. Der Wind bläst scharf von vorn, mein Blick ist auf den Boden geheftet. In einem immer wiederkehrenden Rhythmus ziehen Gehwegplatten an meinem Auge vorbei. Das einzige was dieser Kontinuität zu widerstehen scheint, sind kleine Moos- und Grasflechten die sich ihren Weg durch den massiven Stein gebahnt haben.
Es ist dunkel, die Strassen sind menschenleer. Ich bin irgendwo in der Innenstadt, in der Nähe von einem Alsterfleet. Alte, riesige Wohnblöcke aus rotem Backstein bilden eine enge Gasse, durch die mich eine Strasse aus Kopfsteinpflaster führt. Ich setze einen Fuß vor den anderen, denn ich fühle, dass wenn ich aufhören würde zu gehen, würde ich zerspringen. Ich kann das lähmende, unabänderlichem Ohnmachtgefühl nur unter Kontrolle halten indem ich mich ständig in Bewegung halte und mir keine Chance gebe zur Ruhe zu kommen. Willkürlich wandert mein Blick umher, um im nächsten Moment von einem schwachen, kaum wahrnehmbaren Licht aufgehalten zu werden.
Das Licht kommt aus einem Schaufenster, dessen Scheibe so aussieht, als hätte sie jemand von innen mit einem schmutzigen Lappen gewischt. Ich schaue durch die Scheibe, um zu sehen wo dieses warme einladende Licht herkommt. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich dieses Leuchtfeuer als orientalisch anmutende Öllampe.
Der Schirm ist besetzt mit Mosaikstücken aus Glas. der Petroleumtank und die Dochthalterung sind aus Messing Außer dieser Lampe, befindet sich sonst nichts in dem Schaufenster, dennoch scheint die Illumination, die die Lampe verursacht, den ganzen Platz der Auslage auszufüllen. Dieses Licht ist so warm, scheint so freundlich, warum sollte es jemand absichtlich zurücklassen?
Ich bin jetzt diese Lampe.
Das Licht, das eben noch so angenehm leuchtete, scheint jetzt nur noch grell zu sein, übersättigt. Es ist unerträglich heiß, und mit jedem Augenblick der verstreicht, scheint die Temperatur zu steigen. Jetzt sehe ich auch woran das liegt.
Der Docht ist bis zum Anschlag hochgedreht, die Flamme lodert fast bis zum oberen Ende des Glaskolbens, der über die Dochthalterung gestülpt ist. Am oberen Ende der Flamme, entstehen zuckende, säulenförmige Russschwaden die sich spiralförmig Richtung Decke bohren.
Die Temperatur steigt immer weiter, der Glaskolben ist fast komplett verrußt und das Glas droht nachzugeben, zu zerspringen. Es wird immer stickiger, die Luft ist geschwängert von einem schweren, Übelerregenden Petroleumgestank. Obwohl die Situation einer gewissen Tragik nicht entbehrt, muss ich fast lachen, ich richte mich durch meine eigene Energie zu Grunde, demontiere mich indem ich dass auslebe, was uns die Krone der Schöpfung verlieh, mein Bewusstsein.
Ich stehe jetzt wieder vor dem Schaufenster und bin froh dieser zerfressenden Hitze nicht mehr ausgesetzt sein zu müssen. Ich ziehe die kühle, vom Regen gereinigte Luft tief ein. Zuerst schneidet sie sich tief in meine Lunge, doch nach ein paar Atemzügen merke ich, wie sich der Knoten in meiner Kehle langsam löst.
Ich werfe einen letzten Blick ins Fenster und es tut mir leid dass ich die Lampe nicht erlösen kann, indem ich ihren Docht lösche. Meinen Blick wieder auf den Boden geheftet wandle ich weiter durch die Strassen. Nach kurzer Zeit biege ich abermals in eine kleine Gasse ab, und wieder ist es ein kleines, eigentlich völlig unscheinbares Fenster, das meine Aufmerksamkeit erregt. Es ist vermutlich die ungewöhnlichste Ladenauslage die ich je gesehen habe.
Es scheint kein Konzept, keine Zweckmäßigkeit dahinter zu stecken. Handyschalen liegen direkt neben einer Schmuckschatulle, die in mehrere kleine Fächer aufgeteilt ist, gefüllt mit Perlenketten, Ringen und allerlei anderem Schmuck, der aber eher billig anmutet. Im Gegensatz dazu, liegt in der vorderen linken Ecke, ein mit schwarzem Samt überzogenes Halskettenetui das eine bemerkenswerte Eleganz verströmt. An der linken Erkerwand der Auslage hängt eines dieser himmelschreiend kitschigen Bilder, auf der man eine Gruppe pokernder Hunde sieht. Direkt Gegenüber, an der rechten Erkerwand hängt das Bild "Palazzo da Mula" von Claude Monet.
Obwohl die Anordnung der Sachen bizarr und konfus wirkt, scheint jedes Ding doch seine Wertigkeit, seine Daseinsberechtigung zu haben. Während ich noch versuche den Eindruck, den mir dieses Schaufenster vermittelt, klarer zu umreißen, kommt eine ältere, leicht gebeugt gehende Frau aus dem Laden, und stellt sich neben mich. Sie trägt ein rotes Kopftuch, aus dem zwei graue Strähnen herausschauen, die ihr ungestüm auf der Stirn hin und her tanzen. Sie trägt eine graue Strickjacke, dazu einen langen geblümten Rock. Sie lädt mich ein, in ihren Laden zu kommen und mir einen Gegenstand auszusuchen. Der Laden ist im Erdgeschoss des Gebäudes, und man muss ein paar Stufen hinuntergehen um hinein zu gelangen. Obwohl der Raum eher klein wirkt, scheint es in ihm unendlich viele Gegenstände zu geben. jedes Regal, jede Präsentierfläche scheint überzuquellen. Ähnlich wie im Schaufenster, scheint das Spektrum der Gegenstände endlos zu sein. Ich schreite die Regale ab, um zu sehen ob ich etwas finde was mir zusagt. Mein Blick wandert über altes Blechspielzeug, Schaukelpferde und Geschirr, wie ich es nur von meiner Großmutter kenne, mit Goldrand und verblasstem Blumendekor. Dann rücken alte Radios und Fernseher, in allen nur erdenklichen Formen und Größen, in mein Blickfeld. Dann, plötzlich, finde ich den Gegenstand den ich haben möchte, den ich wirklich gebrauchen kann. Er liegt ganz oben auf einem Regal und ist nur ein Stück weit sichtbar. Es ist ein paar Schwingen. Sie bestehen aus weißen Federn die einen kaum wahrnehmbaren Glanz verströmen, zart wie Sonnenlicht das sich im Morgennebel bricht, und genauso unwirklich. Befestigt ist dieses sakral wirkende Kunstwerk an einem Ledergeschirr mit Trageriemen die an einen Rucksack erinnern. Als ich der Frau mit meiner vor Ehrfurcht und Überwältigung ausgedünnten Stimme sage, dass dies der Gegenstand sei den ich gerne hätte, weist sie mich darauf hin dass ich ihn wohl haben könne, aber nur unter der Bedingung dass ich ihn gegen etwas eintausche. Da ich nichts besitze, was auch nur annährend so wertvoll wäre wie dieses paar Schwingen, beschließe ich ihr das zu geben was mit zu den wichtigsten und wertvollsten Dingen gehört, die ich besitze. Ich gebe ihr meinen Block und meinen Kugelschreiber, in der Hoffnung jetzt einen besseren Weg gefunden zu haben mich zu befreien. Sie nimmt beides entgegen und für einen Atemzug lang scheint ein wohlwollendes und verständnisvolles Lächeln über ihr, von Alter und Weisheit, gekerbtes Gesicht zu wehen. Nachdem ich die Schwingen in Empfang genommen trete ich wieder ins Freie.
Wie oft habe ich schon davon geträumt fliegen zu können? Aus eigener Kraft, mit eigenem Antrieb in die Luft empor zu steigen, um meinen Blick in endlose Weite strömen zu lassen. Ich schlüpfe in das Ledergeschirr, und schon fangen die Flügel an sich zu bewegen. Ein Flügelschlag und ich merke wie ich zwei, drei Meter in die Höhe klettere. Nach kurzer Zeit habe ich den Laden, die Gasse, die Stadt weit unter mir gelassen und kann endlich, endlich weit sehen. Vor meinen ungläubigen Augen erstreckt sich eine weite Seenterrasse die eingebettet ist in einen dichten, sattgrünen Nadelwald. Umrahmt wird dieses Kalendarblattpanorama von einer Gebirgskette, deren Kämme schneebedeckt sind. Doch so wunderschön und idyllisch wie diese Landschaft auch sein mag, das erhoffte Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit stellt sich nicht ein. Und mit einem Mal wird mir klar, dass ich zwar die ganze Zeit an Höhe gewonnen habe, aber keinen einzigen Meter vorwärts gekommen bin. Irgendetwas scheint mich festzuhalten. Der atemberaubende Ausblick, der sich vor mir ausbreitet, berührt mich in keiner Weise und erscheint mir eher belanglos. Es ist als wäre ich mit einer unsichtbaren Nabelschnur weiterhin mit der Stadt unter mir verbunden. Und dass über diese Nabelschnur die ganze schwere, trostlose Atmosphäre weiterhin zu mir rauf und in mich hinein gepumpt wird. Ich erliege dieser Lethargie, und einen Wimpernschlag später befinde ich mich wieder in der Stadt, wieder vor dem Laden der alten Frau. Die Schwingen sind in braunes Packpapier eingeschlagen, sind nur noch ein lebloses, nichtiges Objekt das ich, unter meinen linken Arm geklemmt, mit mir herumschleppe.
Ich wandle wieder durch die tristen, menschenleeren, Häuserschluchten. Den Blick wieder auf den Boden geheftet folge ich wie hypnotisiert abermals dem immer Gleichwährenden Rhythmus der Gehwegplatten. Die kleinen Moos- und Grasflechten scheinen das einzige Leben zu sein, das sich gegen das tote Grau aufgelehnt hat. Scheint das einzige Leben das sich entschieden hat weiter zu vegetieren.

 

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