Zwielicht!
Karl fühlte den stechenden Blick der Krähe im Nacken, während er in den Trümmern des Hauses kniete und sich durch die schwarze Asche wühlte. Der schwarze Vogel verfolgte ihn schon eine ganze Weile, hatte ihn auf seinem Weg zu jenem Ort begleitet, den Karl die »Defekte Stadt« nannte - ein überaus passender Name für eine Ortschaft wie diese. Die Defekte Stadt war eine Ansammlung von grauen Trümmern und Ruinen, aus denen vereinzelt Qualm emporstieg. Und da war natürlich noch die Asche, die den ganzen Boden unter einer 30 Zentimeter dicken Schicht aus Schwärze begrub, sowohl in der Stadt als auch auf dem ganzen Kontinent. Und nun waren sie hier, Karl und die Krähe - die einzigen Lebewesen auf diesem Schwarzen Kontinent, die einen Fuss in die Defekte Stadt setzten.
Und so sass der Vogel irgendwo hinter ihm hoch oben auf einem Gemäuer und beobachtete ihn mit ihrem schwarzen Augenpaar.
Karl liess sich davon nicht beirren, seine langen Finger fuhren durch die feine Asche, die den Boden bedeckte. Anders, als man es von so schwarzer Asche wie dieser hier erwarten würde, hinterliess sie kein einziges Russpartikel auf seiner Haut. Seine Hände pflügten unbefleckt durch den schwarzen Teppich auf der Suche nach Überresten der alten Welt. Doch Karl machte sich keine grossen Hoffnungen. Diese Suche war in der Vergangenheit schon zu oft ergebnislos gewesen; nie hatte er andere Spuren von vergangenen Zeiten gefunden als schwarzgebrannte Trümmerteile. Und trotzdem: hier war er nun und forschte erneut weiter, ein selbsternannter, aber erfolgloser Archäologe.
Als dann die Zeit immer knapper wurde, das Ticken seiner Uhr schien schon in seinem Kopf zu dröhnen, wurde er endlich doch fündig. Ein gräulicher Papierfetzen mit angesengten Rändern, bedruckt mit einem alten schwarzweiss Foto. Zeitungsausschnitt, dachte Karl und studierte das zigarrenartige Ding auf dem Foto. Ein Zeppelin, schon lange nicht mehr in Betrieb, bestimmt ausgebrannt, dachte Karl. Für einen Moment hatte er ein düsteres Bild vor Augen: Schreienden Menschen, die in Panik getrieben von einem riesigen Zeppelin davonliefen, der in einem Feuerball verschlungen zu Boden sank. Karl schüttelte den Kopf und der Tagtraum verschwand. Er sah sich um, jedoch ohne in Richtung der Krähe zu blicken, und steckte das Foto in die linke Jackentasche. Ein Blick auf die Uhr bestätigte, was er bereits wusste, und er richtete sich auf.
Karl war ein grosser und dünner Mann, eine Kombination, die ihn in gewissen Momenten wie eine Vogelscheuche aussehen liess. Verstärkt wurde dieser Eindruck auch durch sein schwarzes, zerzaustes Haar und dem verfilzten Bart. Als er sich in den Trümmern aufrichtete, hatten seine Bewegungen etwas Spinnenartiges an sich, erst recht, als er über die Zentimeter hohen Überreste der Mauer stieg, die Mal teil dieses Gebäudes gewesen war. Er sah noch mal hektisch auf seine Uhr, mehr reflexartig als bewusst, und verliess mit schnellen Schritten die Defekte Stadt.
Die Defekte Stadt befand sich auf einer Erhebung in der Landschaft, auf einem Hügel, und als Karl den Stadtgrenze erreichte, verlieft der aschebedeckte Weg ein Stück weit nach unten. Hier war die Ascheschicht nur halb so dick und so kam Karl in einem ordentlichen Tempo voran. Auf mittlerer Strecke befand sich ein schwarzgebrannter, kahler Baum. Karl passierte ihn ohne stehen zu bleiben, doch dann hörte er ein flatterndes Geräusch und das Ächzen von Ästen. Als er sich umsah, sass die Krähe auf einem dicken Ast und starrte ihn an. Wie ein gezähmter Falke, dachte Karl unvermittelt und näherte sich dem Vogel. Er traute dem Tier nicht, ihm und seiner regungslosen, lauernden Haltung, und trotzdem verringerte er den Abstand zwischen ihnen. Schwarze Fäden zogen sich durch seine Gedanken und die schwarzen Augen des Vogels riefen ihn wie zwei tiefe Brunnenschächte. Karl blieb erst stehen, als ein kurzes, reissendes Gefühl an seiner linken Kopfhälfte aufflackerte und etwas zu Boden fiel. Er sah nach unten und es dauerte einen Moment, bis er begriff, was dieses Ding aus Haut und Knorpel eigentlich war, das da aus der Asche ragte. Er tastete mit plötzlich zitternden Fingern über die Stelle an seinem Kopf, die sich fiebrig heiss anfühlte. Doch dort, wo sein linkes Ohr hätte sein sollen, berührten seine Fingerspitzen nur verbranntes Gewebe. Panisch stolperte Karl nach hinten und landete rücklings auf der Asche, doch er liess für keine Sekunde die Krähe aus den Augen. Doch diese bewegte sich keinen Millimeter, sie beobachtete ihn bloss weiter von ihrem Ast aus, als wäre sie tot und ausgestopft. Nur ihre Augen strahlten ein bedrohlich lebhaftes, rotes Flackern aus. Karl sah sich schon als dampfenden Haufen zerhackten Fleisches wieder, doch nichts geschah. Sein Glück wollte er trotzdem nicht weiter auf die Probe stellen; er kroch rasch auf allen Vieren auf die Stelle zu, wo er sein linkes Ohr vermutete. Und tatsächlich ragte dort das Ohrläppchen hervor, der Rest wurde von der Asche bedeckt, die Karl beim Sturz nach Hinten aufgewühlt hatte. Hastig fischte er das Ohr aus der Asche und steckte es zum Papierfetzen in seiner Jackentasche. Dann herhob er sich und entfernte sich rückwärts vom Baum, den Blick auf die immer noch reglose Krähe geheftet. Nach einigen Schritten drehte er sich um und begann zu laufen. Dann rannte er.
Die Krähe schwang sich flatternd in die Luft und folgte ihm.
Karls Haus war das einzige weit und breit - in alle Richtungen war bis zum Horizont nur der schwarze Ascheteppich zu sehen. Der ständig grau bedeckte Himmel drückte auf Karls Gemüt, wie eine chronische Migräne machte die Wolkendecke den Blick zur Sonne unmöglich. Keine Bäume, weit und breit, nicht einmal solche wie jener am Hang zur Defekten Stadt.
Karl erreichte sein Haus keuchend und im abgehackten Laufschritt; er war nicht zum Rennen geboren. Kam noch dazu, dass die Luft wie immer trocken und stickig war, als wäre sie mit unsichtbarem Qualm durchzogen. Bei den letzten paar Metern zur Haustür verfiel er dann in ein normales Gehtempo, erleichtert, es doch noch geschafft zu haben. Er öffnete die Tür und war mit einem Schritt in seinem Haus, in seiner Küche.
Am Küchentisch sass ein grosser, schlanker Mann, der Karl bis aufs Haar glich. Otto, Karls eineiiger Zwillingsbruder, löffelte gerade aus einer Konservendose kalte Bohnen, während er in einem dicken Buch las, das er vor sich aufgeschlagen hatte.
»Hat ja lange gedauert« sagte Otto, ohne aufzusehen. Erst als die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fiel, löste er den Blick von den Zeilen. »Was ist los? Bist du gerannt?«
Karls heiseres Keuchen erfüllte den Raum. Otto sah seinen Bruder genauer an. »Was ist mit deinem Ohr passiert?«
»Das weißt du besser als ich« antwortete Karl und bellte in einem Hustanfall kurz auf. Irgendwo in der Nähe schrie die Krähe; Karl sah instinktiv aus dem Fenster, suchte den Himmel nach dem Vogel ab. »Die Luft ist dicker geworden dort draussen.«
»In welcher Hinsicht?« fragte Otto mehr aus Langeweile als aus Interesse, denn sein Blick war bereits wieder auf die Zeilen in seinem Buch geheftet.
Karl sah auf seinen Bruder hinab, auf seinen Bruder, der auf kalten Bohnen rumkaute. Mit seinen langen Spinnenfingern fischte Karl das abgefallene Ohr sowie das Zeppelin-Foto aus der Jackentasche und legt beides auf Ottos aufgeschlagenes Buch. Etwas von der schwarzen Asche, die wohl zusammen mit dem Ohr in die Tasche geraten war, rieselte von seiner Hand und verteilte sich auf den Seiten. Otto stiess einen verärgerten Zischlaut aus und schob Papierfetzen und Ohr auf die Tischplatte und wischte und blies die Asche von den Buchseiten. Karl, der nun gegenüber von Otto am Tisch sass, nahm seine Fundstücke wieder an sich. Otto ass wortlos weiter seine Dosenmahlzeit und beugte sich noch tiefer über die Seiten des Buches.
»Was liest du da überhaupt?«
Ottos Verärgerung über die erneute Unterbrechung war unverkennbar. Seine Augenlider flatterten kurz, ein tiefer Seufzer kam aus seiner Brust und dann richtete er seinen stechenden Blick auf Karl. Doch Karl verzog keine Miene und so las Otto einen Abschnitt aus dem Buch vor: »Frau Lee war in der ganzen Stadt dafür bekannt, dass sie sich Glassplitter in ihre Ohren- und Nasengänge steckte und eine dunkle Sonnenbrillen trug, so dass sie von den bedrohlichen Einflüssen verschont blieb, welche die Menschen heimsuchten.«
»Kommt mir bekannt vor« entgegnete Karl und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie heisst es, das Buch, meine ich.«
Zuerst schien es, als würde Karl vergeblich auf eine Antwort warten. Otto war bereits wieder tief in der Welt des Buches versunken. Doch als Otto am Ende einer Buchseite ankam und umblätterte, antwortete er in der Papier raschelnden Pause: »Saat der Krähe.«
Karl nickte nachdenklich, als hätte er es bereits geahnt. Er kramte den Zeitungsausschnitt erneut aus der Jackentasche, das amputierte Ohr liess er stecken. Er studierte das Foto des Zeppelins, sah sich jedes Detail genauestens an, als erwartete er eine Offenbarung aus diesem alten Bild. Ein Leuchten erschien in seinem Augenwinkel und Karl sah aus dem Fenster. Am wolkenverhangenen Himmel pulsierte nun regelmässig ein rotes Licht, ein Licht, das Karl nicht unbekannt war.
»Da ist es wieder«, bemerkte er und wandte sich an Otto. »Wie wird das Wetter, was meinst du?«
»Sieht nach Regen aus« sagte Otto ohne aufzusehen.
»Nichts Neues also.«
Die Standuhr schlug zwölf Uhr mittags und am Fenster flog ein schwarzer Schatten vorbei. Ein greller Blitz liess die Luft draussen für Sekunden gleissend explodieren und die Krähe fiel in zwei Teilen zu Boden. Der Kopf mit dem Schnabel ragte wie eine Dorne aus der schwarzen Asche. Das rote Himmelsleuchten verschwand wieder in den Wolken.
***
Ein anderer Tag, derselbe Ort. Karl sass zusammen mit Otto am Küchentisch. Während Otto in »Saat der Krähe« las (ab und zu las er Sätze oder ganze Abschnitte laut vor, die ihm gefielen, um dann wieder in grinsendes Schweigen zu verfallen) bearbeitete Karl mit einem kleinen Messer ein Stück Holz, das er vor Ewigkeiten gefunden hatte. Die Umrisse eines Vogels waren bereits aus der Schnitzerei zu erkennen und Karl beendete gerade die Feinarbeit an einem Auge. Plötzlich erschütterten Faustschläge die Tür und Karl fuhr beinahe vor Schreck mit der Klinge in den rechten Daumen. Karl sah auf und auch Otto hielt beim Lesen inne; beide sahen sich stumm an und horchten. Und tatsächlich, erneut erfüllte das Klopfen an der Tür den Raum. Karl erhob sich und ging leicht benommen an die Tür.
»Guten Tag« waren die ersten Worte des Mannes an der Tür.
Der Mann trug einen weissen Overall der unzählige Reissverschlüsse aufwies. Ein Dreitagebart aus schwarzen Stoppeln verzierte das Gesicht des Mannes und mit einem scheinbar festgefrorenen Grinsen liess er weisse Zähne blitzen. Das schwarze Haar hing ihm in klebrigen Strähnen ins Gesicht, verdeckte sogar sein rechtes Auge; das andere wirkte trübe und war bis zur hälfte geschlossen, als wäre der Mann benebelt von Alkohol oder anderen Rauschmitteln.
Der Mann stand da, festgefroren wie eine Statue, selbst als er wieder das Wort ergriff.
»Haben Sie Probleme mit Ungeziefer?« Der grinsende Mann sah Karl zunächst nicht direkt an, fixierte eine Stelle an Karls Kopf. »Ja, Sie sehen so aus, als würden Ihnen Kakerlaken auf dem Kopf herumtanzen, nicht wahr. Sehen Sie, das Käfer- und Schabenproblem betrifft nicht nur Sie, sondern alle Menschen. Und wir von Exterminator Inc...«
»Sie sind Kammerjäger?« unterbrach ihn Karl, die Augen zu ungläubigen Schlitzen verengt.
»Exakt.« Der Mann deutete mit dem Daumen nach hinten. Dort stand ein weisser Lieferwagen mit der roten Aufschrift »Exterminator Inc.«. Das O von Exterminator war ein rotes Fadenkreuz mit einem Käfer im Visier. Das wäre an sich nichts Aussergewöhnliches gewesen, wenn die Augen des schwarzen Käfers nicht rot geleuchtet hätten. Karls Augenbraue schnellte in die Höhe.
»Wie ich sagte« setzte der Kammerjäger wieder an. »Wir von...«
»Wissen Sie über das Licht bescheid?«
»Welches Licht?« Für einen Moment schmolz sein Grinsen zu einem gequälten Lächeln. »Hören Sie, ich habe wirklich keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich habe eine Route zu fahren und...«
»Vergessen Sie's.« Karl winkte ab und massierte mit den Fingern die Schläfen. Er wollte dieses ergebnislose Gespräch nur noch so rasch wie möglich hinter sich bringen. Ausserdem schien ihn die schläfrige Stimme des Kammerjägers mehr und mehr benommen zu machen. »Lassen Sie mir einfach Ihre Firmenunterlagen da, damit ich mir das ganze in Ruhe ansehen kann.«
Das Gesicht des Kammerjägers hellte sich auf und sein Mund erstrahlte erneut in einem Grinsen.
»Sehr gerne.« Er steckte seine Finger in die rechte Brusttasche und hielt darauf Karl eine Visitenkarte entgegen, der sie ohne anzusehen an sich nahm. »Mehr habe ich leider nicht hier« fügte der Kammerjäger hinzu, »aber Sie können jederzeit anrufen und weitere Informationen anfordern. Das ist übrigens die Visitenkarte unseres Geschäftsführers; eine höchst eigenwillige Persönlichkeit, möchte ich hinzufügen. Doch ich will Sie ja nicht voreingenommen machen.«
Das Grinsen verbreiterte sich noch mehr, als es physikalisch hätte möglich sein sollen. Karl nickte nur und steckte die Karte in die Hosentasche.
Der Kammerjäger zwinkerte kurz. »Nur sollten Sie mit einer Entscheidung nicht all zu lange warten. Das Ungeziefer, von dem wir hier sprechen, ist äusserst gefährlich. Der Erreger, den die Insekten verbreiten, wird durch Schwallwellen über die Luft übertragen und gerät so leicht in Ihre Gehörgänge und somit in Ihr Gehirn.«
Karl nickte bloss, noch benebelter als zuvor und hatte bereits die Hand am Türgriff.
»Es war eine Freude, mit Ihnen zu sprechen« beendete der Kammerjäger sein Werbegespräch und hielt ihm die Hand hin. In diesem Moment schlug die Standuhr im Haus zwölf; Karl wurde schlagartig aus seiner Benommenheit gerissen und hatte gerade noch Zeit zu handeln. Er schlug die Tür zu, warf sich zu Boden und schlang die Arme um seinen Kopf in dem Augenblick, als das grelle Licht aufblitzte.
Zuerst geschah nichts, doch dann wurde der Moment der Stille durch einen dumpfen Schlag gegen die Tür beendet, der die Fensterscheiben zittern liess. Otto sass regungslos am Tisch und sah auf Karl hinab. Dieser hockte mit dem Rücken zur Tür auf dem Boden und kaute auf seiner Unterlippe. Zeit verstrich, doch nichts tat sich. Karl wusste, dass er etwas tun musste und so erhob sich von seiner kauernden Position und legte die Hand an den Türgriff. Er atmete tief ein und riss dann mit einem Ruck die Tür auf. Der leblose Körper des Kammerjägers fiel der Länge nach in die Küche. Als der Mann auf dem Boden aufschlug, rollte sein losgelöster Kopf durch den Raum und blieb in einer Ecke liegen, die Zähne fletschend (blitzendes Weiss) und die fettigen Haare im Gesicht.
Dann öffnete sich der Mund des Kammerjägers leicht (die Zähne lockerten ihren Biss) und mit einem seufzenden Atemgeräusch aus der perforierten Kehle kroch ein kleiner, schwarzer Käfer aus dem Schlund und liess sich auf den Boden fallen. Zunächst blieb das Insekt regungslos, begann dann aber, zielstrebig auf Karl zuzukriechen. Dieser drückte sich mit dem Rücken vor Schreck an die Wand, und bewegte sich steifbeinig in eine Ecke, verfolgt von dem beharrlich krabbelnden Käfer. Dieser hielt jedoch vor seinen Schuhen inne und bewegte seine kurzen, schwarzen Fühler hin und her, als würde er eine Fährte aufnehmen. Der Käfer kroch noch etwas näher, wandte sich dann aber ab und bewegte sich in Richtung Küchentisch, an dem weiterhin Otto hockte. Dieser beobachtete das Geschehen mit dem Gesichtsausdruck eines Zoologen. Inzwischen erklomm das Insekt ein Tischbein und erreichte nach einigen Sekunden die Tischplatte. Der Käfer bestieg sogleich das offene Buch und kroch auf Otto zu. Dieser handelte augenblicklich und schlug das Buch mit einem lauten Knall zu. Karl, der alles mittlerweile in einer grimmigen Faszination beobachtet hatte, fuhr beim Geräusch des zuklappenden Buches zusammen und blinzelte verschreckt.
Ein leichtes Grinsen machte sich in Ottos Gesicht breit und sah Karl bedeutungsschwanger an. Er öffnete das Buch wieder, doch statt zerquetscht dazuliegen schnellte das Vieh wie eine Heuschrecke in die Höhe und stürzte sich auf Ottos linkes Ohr. Bevor Otto irgendetwas unternehmen konnte, steckte der Käfer bereits bis zur Hälfte in der Ohrmuschel. Fluchend und Zähne fletschend packte Otto mit Daumen und Zeigefinger das windende Hinterteil des Insekts und zog mit aller Kraft daran. Doch nach einem kräftigen Ruck hielt er nur die hintere Hälfte des Käfers zwischen den Fingern, Kopf und Rumpf steckten noch tief im blutenden Ohr. Doch so entzweit zerfiel der Insektenkörper und rieselte in kleinen Brocken aus Ottos Ohr. Wie winzige schwarze Maschinenteile fielen die Bestandteile des Chitinpanzers zu Boden und blieben dort wie Kohlenstücke liegen.
Karl sass in seiner Ecke Tür und sah teilnahmslos zu, wie Otto fluchend einen blauen Lappen aus einem Küchenschrank nahm, zum Kopf des Kammerjägers ging und den Lappen darüber warf. In schlafwandernder Langsamkeit nahm Otto den vermummten Kopf und legte ihn in das Regel neben Pfeffer und Salz und schloss die Schranktür. Dann öffnete er die Tür zur Abstellkammer und verschwand darin. Kurze Zeit später tauchte er mit einem Spaten in der Hand wieder auf und ging zum leb- und kopflosen Körper des Kammerjägers. Dort kniete er nieder und nahm den Körper auf seine Schulter, trug ihn hinaus und zog die Tür hinter sich zu.
Karl ignorierte die Geräusche des grabenden Spatens. Er richtete sich in voller Grösse auf und hustete und keuchte plötzlich, als hätte er einen kilometerlangen Dauerlauf hinter sich. Er schluckte einmal leer und das kratzende, saugende Gefühl in den Lungen verschwand wieder. Er suchte in seinen Taschen nach einem Taschentuch, um sich den Schweiss von der Stirn zu wischen, doch er fand nur ein kleines, rechteckiges Stück Pappe. Darauf stand in schwarzen, schnörkellosen Buchstaben geschrieben:
Dr. Unverdorben
Experte der Psychologie und Ungezieferforschung
Karl begutachtete die Karte von allen Seiten, roch daran und nahm sie für einen Moment in den Mund, lutscht versuchsweise. Kein besonderer Geschmack, wie er fand. Er steckte die Visitenkarte in die Hosentasche und wartete auf seinen Bruder.
***
Später am Abend sassen Karl und Otto in der Küche im Schein einer Kerze, die im amputierten Kopf des Kammerjägers steckte. Otto brütete über einem dicken Buch mit schwarzem Einband, das Karl gänzlich unbekannt war. Den Allzweckbohrer aus Karls Werkzeugkiste (mit ihm hatte er den Kopf des Kammerjägers bearbeitet, damit er die Kerze einsetzen konnte) hatte er beiseite geschoben. Noch immer hatte Karl das Kreischen der Maschine in den Ohren und er vermutete, dass die Bohrspitze nur unwesentlich kühler geworden war. Der Geruch von verbranntem Fleisch und Haaren lag in der Luft.
Das Licht der Kerzenflamme, die einzige Lichtquelle im Raum, bot Karl kaum Einblicke in das Buch, welches sein Bruder las. Auf den ersten Blick erschienen die Seiten dem Betrachter vielleicht leer, doch flackerte das Kerzenlicht nur ein wenig, tauchten merkwürdige Schriftzeichen auf, die Schatten zu werfen schienen. Angestrengt studierte Karl Ornamente und Zeichen, die so auf einer Seite auftauchten und versuchte krampfhaft, sie zu entziffern. Und als Otto im Begriff war, die Seite umzublättern, streckte Karl seinen Arm aus. Karl wollte ihn daran hindern, sein Bruder durfte nicht umblättern, bevor er hinter dieses Geheimnis gekommen war. Doch als seine Finger das Papier berührten, kribbelte seine Haut und ihm war, als ob pelzige Tiere sich unter seiner Berührung gewunden hätten. So riss er die Hand reflexartig zurück und sah seinen Bruder verstört an. Und dieser bedachte Karl mit einem Lächeln, das nach Schwefel roch und ein kleines, schuppiges Tier schien sich hinter Ottos Augen zu bewegen. Karl fuhr verschreckt hoch, wobei sein Stuhl nach hinten kippte und klappernd zu Boden fiel. Otto lächelte weiter, senkte den Blick und griff ohne hinzusehen nach der Kerze und zog sie, begleitet durch ein schlürfendes Geräusch, aus dem Kopf des Kammerjägers. Sofort kam aus dem Loch ein schwarzer Käfer gekrochen, glitt am fettigen Haar des Kammerjägers hinunter und fiel auf die Tischplatte, wo das Insekt auf seinem Rücken hilflos liegen blieb und seine langen, dürren Beinen durch die Luft schwirren liess. Otto verschloss das Loch wieder mit der Kerze und sagte mit erstaunlicher Beiläufigkeit: »Geh ins Bett, Karl. Du störst mich bei meinen Studien.«
Karl sah zu, wie die zappelnden Bewegungen des Käfers langsamer wurden und dann ganz erstarben und bevor er ging erwiderte er: »Ich hoffe wirklich, du hast den Rest von ihm tief begraben.«
Karl hatte sich vor dem Badezimmerspiegel aufgebaut und putzte sich systematisch die Zähne. Während er bürstete, starrte er sein Spiegelbild an. Festgeklebt mit Sekundenkleber sass sein linkes Ohr wieder dort, wo es hingehörte. Natürlich war die Wiederherstellung nur rein optisch, das verbrannte Gewebe verstopfte unverändert den Gehörgang und so nahm Karl auf dieser Seite Klänge nur noch dumpf wahr, als würde er an einer dicken, Schall absorbierenden Wand horchen.
Die Benommenheit, die beim Besuch des Kammerjägers eingesetzt hatte, war längst verschwunden, doch Karls Gedanken waren mit merkwürdigen Geräuschen durchzogen, welche wie leise Stimmen anmuteten, die undeutliche Worte von sich gaben. Die Stimmen, wenn es denn eine Stimme war, hatten die Qualität von zirpenden Grillen und trotzdem schien es Karl, als würde er auf unbewusster Ebene jedes Wort verstehen. Ein weit entferntes Radiosignal, dachte Karl, das im Rauschen untergeht.
Ein dunkler Schatten tauchte hinter seinem Rücken auf und Karl hielt beim Zähneputzen inne. Mit weissem Schaum vor dem Mund, sagte er:
»Was ist dort draussen bloss los, Otto? Was geschieht dort? Gibt es dort noch mehr wie diesen Kammerjäger?«
»Kaum«, flüsterte der Schatten in sein rechtes Ohr. Karl lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter und die zirpenden Stimmen verstummten kurz, nur um gleich darauf umso stärker in seinem Kopf zu rauschen.
»Ich geh jetzt schlafen«, sagte er mit belegter Stimme. Er spuckte die weisse Paste in den Ausguss und schaltete das Licht aus.
Karl rang mit der Wirklichkeit, doch am Ende holte ihn die Nacht doch noch ein. Und so betrat er eine hügellose, schwarze Ebene. Zu Karls Überraschung wurde er bereits erwartet.
»Ihr dunkler Freund lernt schnell«, begrüsste ihn der Kammerjäger, ein Lächeln auf den Lippen.
»Mein dunkler Freund? Sie sprechen von meinen Bruder.«
»Natürlich« erwiderte der Kammerjäger, sichtlich amüsiert. »Ihnen steht es zu, ihn so zu nennen.«
Der Kammerjäger trug einen dunklen Anzug, doch im Kontrast zu dieser eleganten Bekleidung hingen immer noch fettige Haarsträhnen in sein Gesicht. Karl trat an ihn heran und sie schüttelten sich wie zwei Geschäftsmänner die Hände. Karl erkannte irritiert, dass sein Gesprächspartner seit ihrer letzten Unterredung scheinbar an Grösse gewonnen hatte. War er damals noch um einen halben Kopf kleiner gewesen, befanden sich nun dessen Augen auf derselben Höhe wie Karls. Die beiden Männer beendeten die förmliche Begrüssung und der Kammerjäger griff in eine Innentasche seines Jacketts und überreichte darauf Karl ein kleines Stückchen Papier.
»Meine Karte«, erklärte der Kammerjäger im förmlichen Ton. Karl stellte erstaunt fest, dass es dieselbe Karte war, die er schon vor Wochen erhalten hatte.
»Sie sind Dr. Unverdorben?« Ungläubigkeit schwang in Karls Stimme mit.
»Das ist nur ein Name« erwiderte der Doktor. »Dr. Unverdorben ist nicht mein richtiger Name, wie Sie sich sicher vorstellen können. Davon abgesehen: Meine Persönlichkeit ist weit mehr als nur der Haufen Fleisch und Knochen, den Sie vor sich sehen.«
Der Kammerjäger alias Dr. Unverdorben wandte den Blick dem wolkenverhangenen Himmel zu. Eine rote Naht am Hals des Doktors wurde sichtbar; eine rote, fasrige Schnur, die regelrecht aus seinem Fleisch zu wachsen schien und anscheinend den Kopf am Körper befestigte.
»Es war eine interessante Erfahrung, mit Ihnen Geschäfte gemacht zu haben«, sagte der Doktor im ernsten Ton, den Blick weiter nach oben gerichtet. »Ich werde diese Momente vermissen.«
In der dunklen Wolkenmasse begann das rote Licht zu blinken, das Karl all zu gut kannte. Er trat instinktiv einen Schritt zurück, doch der Doktor sah ihn ein letztes Mal an, mit Augen, die nicht länger trübe wirkten, sondern wie scharfe Messer ihn zu durchbohren schienen.
»Ende der Sitzung« sagte der Doktor und hob eine Kamera, die wie aus dem Nichts in seinen Händen aufgetaucht war, blickte durch den Sucher in Richtung Himmel, Richtung Licht und der Traum explodierte in einem weissen Blitz.
Karl, bekleidet mit Unterhemd und weissen Boxershorts, stürzte aus dem Schlafzimmer hinunter in die Küche, direkt hinein in die Dunkelheit. Seine Finger tasteten nach dem Lichtschalter und als das Licht aufflackerte, offenbarte sich vor seine Augen ein Ort des Chaos. Herausgerissene Seiten aus Ottos Buch lagen in der ganzen Küche verstreut auf Boden, Herd und Küchentisch. Der Küchentisch war mit erstarrtem weissem Kerzenwachs bedeckt. Karls suchende Augen blieben an einem haarigen Gegenstand hängen, der in der Nähe einer riesigen Heckenschere auf dem Boden lag. Niemand musste Karl erklären, wessen Kopf da vor seinen Füssen ruhte. So hob Karl ihn auf, mied dabei den Augenkontakt, wollte den erstarrten Gesichtsausdruck seines Bruders nicht sehen, und legte ihn auf den Küchentisch. Da wurde die Stille durch das Schlagen der Standuhr beendet, als die neunte Morgenstunde anbrach. Und als Karl aus dem Fenster sah, erblickte er am Himmel das pulsierende, rote Licht, das Köpfe rollen liess.
»Es ist Zeit« sagte Karl und bedeckte mit einem blauen Lappen Ottos Kopf. Dann verliess Karl sein Haus zum letzten Mal.
Der erste Wind seit Jahren blies ihm um die Ohren. Die feine Asche wurde durch die Luft getragen, so dass Karl wie von einem dicken, schwarzen Nebel umgeben war. Karl sah hinauf zum Himmel, wo das rote Licht immer greller leuchtete, als käme es immer näher und näher. Ein riesiges Objekt, ein gigantischer Zeppelin, stiess durch die dicke Wolkenschicht und Karl musste lächeln, als er die Quelle des roten Leuchtens sah: Die rhythmisch aufleuchtende Spitze einer kurzen Antenne, die an der Kabine unterhalb des Luftschiffs angebracht war.
Der Zeppelin drehte ab und auf einer flachen Videowand, welche die ganze Seite des Luftschiffs ausfüllte, war der ernst dreinblickende Doktor zu sehen. Sein Aussehen hatte sich verändert, er war nun älter, das Haar stumpf und zurückgekämmt und an den Schläfen zeichneten sich bereits graue Haare ab, nicht zu vergessen der grau melierte Bart, der Oberlippe und Kinn bedeckte. Eine Brille mit runden Gläsern zierte sein Gesicht und eine Pfeife aus dunkelbraunem Holz steckte in seinem Mund. Eine Krähe, die sich auf seiner Schulter festkrallte, stocherte mit ihrem Schnabel im Ohr des Doktors rum, ohne dass dieser sich sonderlich gestört zeigte. Mit einem nachdenklichen Leuchten in den Augen nahm der Doktor auf der Videoprojektion die Pfeife aus dem Mund und stiess eine weisse Rauchwolke aus.
»Die Sitzung ist beendet«, sagte der Doktor, dessen Stimme elektronisch verstärkt wie Donner hallte. »Der Nächste, bitte. Der Nächste.«
Und so öffnete sich an der Unterseite der Zeppelin-Kabine eine Klappe und ein gigantischer Schwarm schwarzer Insekten ergoss sich aus dem innern und verdunkelte wie eine schwarze Gewitterwolke schlagartig den Himmel. Karl, immer noch ein Lächeln auf den Lippen, ging vor seinem Haus auf die Knie und hielt mit aller Kraft die Hände an die Ohren. Dass sich dabei das amputierte Ohr wieder von seinem Kopf löste war ihm einerlei, war doch der Gehörgang verstopft und unpassierbar für die Käfer. So blieb ihm nur noch die Sorge um sein rechtes, völlig intaktes Ohr. Doch als Karl den Fall seines Ohres in die Asche gefolgt war, war etwas in sein Blickfeld geraten, was ihm zuerst wie ein schwarzer Dorn erschien. Er griff nach dem Dorn, zog ihn aus der Asche und sah, dass da noch mehr dran hing als nur Asche. Es war der Kopf eines Vogels und der Dorn war sein Schnabel; Karls Verwunderung war nur gering, als er darin den Kopf der Krähe erkannte, die ihn vor langer Zeit verfolgt hatte. Sein Lächeln verbreiterte sich und er sah hinauf in Richtung Zeppelin, der durch die schwarze Käferwolke kaum noch zu erkennen war.
»Die Sitzung ist beendet« wiederholte der Doktor in einer Endlosschleife. »Die Sitzung ist beendet.«
Und bevor die Wolke aus schwarzen Insekten auf ihm niederging, rammte Karl sich den Krähenschnabel ins rechte Ohr und zuckte kurz zusammen, als das Trommelfell schmerzhaft zerriss. Und als die krabbelnden, surrenden Käfer auf ihn niedergingen, dachte er an die Defekte Stadt, an den alten Baum am Hügel und an die Krähe und an den Kopf in seiner Küche und antworte dem unerbittlichen Doktor über den Wolken mit drei Worten: »Wir werden sehen.«