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Die Autoren:
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Reinhard Wissdorf

Der Autor Reinhard Wissdorf

Es ist Sommer, draußen lockt der Wald mit Insekten, potentiellen Baumhäusern und einem schmuddeligen Bach. Draußen auf dem Balkon sitzt der kleine Bruder in einem Spielzeugauto aus buntem Blech und nervt. Drinnen, im Wohnzimmer, sitzt ein fünfjähriger Junge und lernt lesen. Sein Vater hat ihm eine Lesefibel geschenkt, weil der Junge ständig quengelte, er wolle auch endlich Winnetou und Old Shatterhand lesen, so wie es der Vater ständig tat. Und irgendwann vielleicht dann auch den "Seewolf". Der Vater war der wohlbegründeten Ansicht, dass der Bub dafür vielleicht erst mal lesen lernen sollte. Mit einer Schulfibel. "Hanna sieht den Ball. Hanna fängt den Ball. Da ist der Ball." Das waren die ersten einfachen Sätze, die das Hirn dieses begierigen Jungen veröden ließen. Was soll der Blödsinn mit dem Ball? Will Abenteuer, Indianer, Anschleichen, Blutbrüderschaft! Soll er kriegen, der Junge. Und so erbarmt sich der Vater, denkt sich "die Buchstaben sind ihm eh noch viel zu klein" und irrt sich gewaltig. Winnetouverschlingend vergeht der Sommer.

Dann die Einschulung. Frau Jarisch, gestrenge Lehrerin, mit flinken Linealen, die klatschende Geräusche auf Kinderfingern machen, fragt in der ersten Stunde süffisant, wer denn schon lesen könne. Schüchtern hebt der kleine Reinhard seine Hand. "Ich."

Ein müdes Lächeln, ein abschätzender Blick von der Lehrerin. Der Junge sinkt in sich zusammen. Stimmte das etwa nicht? Schon wieder zu viel versprochen?

"Na, was hast du denn schon alles gelesen, mein Kleiner?" fragt die Lehrerin und beugt sich erwartungsvoll nach vorn, bereit dem kleinen Naseweis, die erste richtige Lektion seines Lebens zu erteilen. Was ihr auch gelingen wird.

"Winnetou eins, Winnetou zwei und Winnetou drei kann ich grad nicht lesen, das liest grade mein Vater." Treuherzig und auch ein wenig stolz sieht der Junge sie an. Ihr Blick erstarrt. Mit einem Gesicht wie ein Granatwerfer kommt die ältliche Jungfer auf den Jungen zu. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, ratzfatz hat er zwei Ohrfeigen im Gesicht, die seine jungen Wangen anschwellen lassen. Wassdassdenn?, fragt er sich verwirrt und beschämt, und bekommt auch flugs die Antwort. "Aufschneider wollen wir hier nicht!" kommt es grimmig und erhaben von der Lehrerin. Dann kehrt sie mit hohlem Schritt an ihr Pult zurück.

Der Junge kommt weinend zum Vater nach Hause. "Die Lehrerin hat mich gehauen, weil ich Old Shatterhand gelesen hab!" Der Vater denkt, das sei der falsche Film. So etwas ist doch vollkommen unmöglich! Sein Sohn, von einer blutleeren Grundschulpunze vertrimmt! Weil er schon lesen kann! Er stapft in die Schule. Veranstaltet einen Sturm im Wasserglas. Droht mit justiziablen Folgen.

Am nächsten Tag kommt der Junge in die Schule. Vorsichtig. Bloß nichts falsch machen, jetzt. Die Lehrerin steht wortlos vor der zugeklappten Tafel. Wartet stoisch, bis alle Schüler sich auf ihre Plätze verteilt haben, bis Ruhe eingekehrt ist. Dann schlägt sie die Tafel auf. Von links oben bis rechts unten mit Kreide vollgekritzelt, in pedantischer blutleerer Grundschulpunzenschrift steht dort ein literarisch zweifelhafter Text, über Bälle , die es von Hanna zu fangen gilt.

"Wissdorf! Vorlesen!" So lautet der Befehl. Und Wissdorf steht auf und liest vor. Von oben bis unten, würgend, was für ein Text. Aber lesen ist wie Wassertrinken, so leicht.

Als er fertig ist, schweigt die Lehrerin verbissen. Setzt sich wortlos und schlägt das Lehrbuch auf. Was sie in der Lesestunde mit diesem Jungen anfängt, weiß sie noch nicht. Nur eines weiß sie genau: Der Junge hat die nächsten vier Jahre nichts zu lachen.

Was soll aus so einem da nur werden? Schriftsteller, was sonst?

Kontakt:

E-Mail: wissdorf(at)wissdorf.com
Website: www.wissdorf.com

 

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