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Die Autoren:
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Das Vermächtnis

.... in einer Welt, die der unseren sehr ähnlich ist, sich aber in kleinen Details unterscheidet:
Wegen seiner Schuhe, die trotz Spucke und stundenlangem Reiben nicht richtig glänzen wollten und wegen des ausgebesserten Ärmels an seinem Cutaway, wäre Max fast gar nicht zu Franzens Beerdigung gekommen. Im letzten Augenblick warf er seine Bedenken dann beiseite und er trat den schlurfenden Leidensweg hinter dem Leichenwagen pünktlich an.
Es war ein bescheidenes Begräbnis. So bescheiden, wie Franz selbst immer gelebt hatte. Es gingen nicht mehr als eine Handvoll Leute mit. Da war der Bürovorsteher, mit glänzendem Monokel und der Notar, der jetzt im Stillen fluchte, da Franz die letzte Rate aus seinen Konkursverschuldungen nun nicht mehr bezahlen würde. Eine Frau hatte es für Franz nicht gegeben, dazu war er zu arm gewesen. Wenigstens etwas, wovor ihn die Armut geschützt hatte, dachte Max verbittert und zugleich belustigt. Eltern hatte Franz auch keine mehr. Die Mutter hatte er ohnehin kaum gekannt und den Vater hatte es damals sehr schnell dahingerafft, als klar wurde, dass Franz das wenige Geld des alten Mannes durch Fehlspekulationen verloren hatte. Franz hatte so sehr gehofft, sich durch ein schnelles Geldgeschäft endlich den ersehnten Freiraum schaffen zu können, den er so dringend für seine literarische Arbeit benötigt hätte. Das wenige, was er schaffen konnte, die paar Kurzgeschichten und der dünne Roman, den er sich nachts, nach einem langen Arbeitstag in der Kanzlei bei Talglichtern und unter Hustenanfällen seiner tuberkulösen Lunge herausgewürgt hatte - all dies fand Platz unter Maxens Hemdbrust, die er für wenig Geld bei einem Pfandleiher erstehen konnte.

Franz war nicht alt geworden - gerade Mitte der Dreißig. Max kannte ihn seit sie gemeinsam in der Kanzlei angefangen hatten - und das war schon viele Jahre her. Als Franz spürte, dass es mit ihm zu Ende ging, hatte er Max rufen lassen und ihm seine Werke in die Hand gedrückt. Er hatte furchtbar blass ausgesehen. Blass, lang und dürr in einem viel zu kurzen Bett. Die Füße schauten heraus und auf die Nasenspitze hatte der Tod schon eine bleiche Kerbe gezeichnet. Er lag hustend auf dem Rücken, wie ein hilfloses Insekt und blickte ihn mit hohlen, dunklen Augen an. Sein knochiger, gelblicher Finger tippte geräuschvoll auf dem Stoss beschriebenen Papiers, den Max auf den Knien balancierte.

"Ich will, dass Du das verbrennst, Max. Wenn ich tot bin."

"Aber Franz..."

"Nein, nein. Glaub mir..Du verstehst nichts davon. Es ist besser so!"

"Aber Franz, du hast doch immerhin zwei Geschichten verkauft!"

"Das war innerhalb von fünf Jahren! An drittklassige Magazine, für ein jämmerliches Honorar. Für einen Witz von einem Honorar!"

"Aber Franz. Deine Geschichten sind gut. Ich gebe zu, sie sind nicht leicht zu verstehen und manche mögen sogar geeignet sein umstürzlerische Triebe zu fördern, aber das heißt noch nicht, dass sie schlecht sind."

"Nicht schlecht, sagst Du? Nicht schlecht, sagst Du, Max? - Ha! Sie sind gut Max! Gut sind sie!"

"Ja sicher sind sie das, Franz."

"Du verstehst nicht, Max. Sie sind nicht nur gut, sie sind brilliant! Diese Werke gehören zu dem Größten, was in diesen Zeiten von einem Dichter hervorgebracht wurde! Glaub mir, ich weiß es. Ich weiß es!"

"Ja, aber Franz! Warum soll ich sie dann verbrennen?"

"Weil ich nicht will... Weil ich nicht will - dass eine von diesen Kanaillen da draußen...je auch nur ein Wort davon vor die Augen bekommt. Das ist mein Wille und den wirst Du mir erfüllen. Versprichst Du mir das, Max? Versprichst Du mir das?"

Max hatte es versprochen. Franz war nach wenigen Stunden gestorben und Max hatte ein Glas auf ihn getrunken und sich zu Hause unters Talglicht gesetzt und alle Werke von Franz noch einmal gelesen. Es hatte bis in den grauen Morgen gedauert und Max hatte anschließend das Gefühl aus einem bösen Traum zu erwachen, so sehr hatte ihn das mitgenommen, was er da zu lesen bekommen hatte. Er verstand nicht viel von Literatur, genau genommen verstand er gar nichts davon, aber ein unbestimmtes Gefühl in der Brust, sagte ihm, dass er hier mit wirklich großer Literatur zu tun hatte, mit etwas wirklich Neuem. Er hatte das atemberaubende Gefühl als erster ein Meisterwerk zu erblicken. Doch gleichzeitig ängstigten ihn die Werke seines Freundes Franz. Ein gewisser Wahn sprach aus ihnen - eine verbotene Art des Denkens, eine schauerliche Zynik, die ihm jede Lebensfreude nehmen wollte, ein vor Sarkasmus triefender Realismus und zugleich eine dämonische Phantasie schnürten ihm den Atem ab und verursachten ein würgendes Gefühl. Vielleicht, so dachte er, war es wirklich besser so. Ich sollte den Wunsch des Freundes respektieren.

Als er dann mit seinem einsamen Wissen hinter dem Leichenwagen einherschritt, dachte er kurz mit leiser Wehmut an das Kohlenfeuer zurück, dem er die drückende Last eigentlich überantworten sollte. Er hatte es nicht getan.

Jetzt sah er zu, wie der billige Sarg von der Kutsche gehoben und zum Grab getragen wurde. Der Priester, ein dicklicher Mann, mit einer runden Nickelbrille hielt eine kurze Grabrede, in der die Worte 'Pflichterfüllung' und 'junges Leben' vorkamen, wenn auch nur mit mittelmäßigem Elan vorgetragen. Der Notar warf ein Bröckelchen Erde auf den Sarg, lauschte auf das dumpfe Geräusch, als erwarte er ein Echo - vielleicht ein geisterhaft gehauchtes Versprechen aus dem Jenseits von Franz, die letzte Rate doch noch zu entrichten. Der Kanzleivorsteher legte einen dünnen Kranz nieder und blieb eine schickliche Minute lang mit gesenktem Haupt vor dem Grab seines entfleuchten Mitarbeiters stehen. Da es keine Angehörigen zum Kondulieren gab, kondulierte man ihm, Max, da man wusste, dass er sein Freund gewesen war.

Max nahm die Beileidsbekundungen nachdenklich und abwesend entgegen. Dann nahm er das Bündel von seiner Brust und warf es in das Grab hinab. Der Flug trieb die Blätter auseinander und sie verteilten sich gleichmäßig auf dem Sargdeckel. Die Totengräber begannen sofort mit der Arbeit. Max dachte sich ein letztes Lebewohl an seinen Freund und ließ seinen Blick über den Grabstein wandern. Auch er war schlicht, aus einem billigen Stein und nur mit der allernötigsten Inschrift versehen: Franz Kafka.

 

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